Boris Becker artist photographer


Berlin 1978 - 1987 / ein Text von Roswitha Haring

ROSWITHA HARING
ZU BORIS BECKER BERLIN FOTOS

Als ich zu Beginn der achtziger Jahre einen Spaziergang durch Berlin machte, sah ich plötzlich am Ende einer Straße, wie eine Barrikade mitten auf den Asphalt gesetzt, die Berliner Mauer. Zum ersten Mal stand ich in einiger Entfernung, als wäre da hinten tatsächlich etwas zu Ende, vor dieser Grenze und war aufgeregt. Es ging nicht weiter an dieser Stelle und ich wendete mich ab und ging in eine andere Richtung. Die Grenze war das Ergebnis eines Krieges, von dem mir meine Eltern andauernd erzählt hatten. Die Grenze schien unausweichlich gewesen zu sein, um diesen Krieg zu beenden. Ich war mit dieser Grenze aufgewachsen und wollte mich nicht mit etwas beschäftigen, das unumstößlich existierte. Die Grenze lag in meinem Innern auf der linken Seite, ich wendete meinen Blick in die andere Richtung und dachte, bis Wladiwostok musst du erstmal kommen.

In den Berliner Straßen war die Mauer für mich weit weniger präsent als im Rest der Republik. Ich fuhr wegen der Theater, der Museen, der Architektur in diese Stadt und war abends, nach den Wegen über vierspurige Straßen, über windige Plätze, nach den Auf- und Abstiegen zur S- und U-Bahn völlig erschöpft. Berlin war eine steinerne Stadt. Aber sie war auch grün. In den langweiligsten Straßen, entlang schmuckloser hoher Fassaden mit Balkonen wie angeklebte Bauklötzer, standen weit mehr Bäume als in anderen Städten. Flirrende Passagen. Dazu die Typen in dieser Stadt, nicht die nur Punks und das gut gekleidete Theaterpublikum. Immerzu äußerten sich die Lässigen, Unabhängigen, und glaubten an diesem Ort tatsächlich freier zu sein. Einer sagte mal zu mir, Berlin sei die einzige Stadt der DDR, in der man leben könne. Ich schämte mich.
Unter den Linden, als ich einmal mit meinem Freund da spazieren ging und an dem verschnörkelten endlosen Zaun der Russischen Botschaft vorüberkam, stand plötzlich ein Polizist vor uns und verlangte unsere Ausweise. Da war das Brandenburger Tor noch weit weg. In dieser Stadt stieß man überall auf unsichtbare Grenzen, die sich aufgetürmt hatten auf diese endlose Mauer, der man unverhofft begegnete und doch nicht ausweichen konnte. Vielleicht hatte ich sie auch deswegen nicht sehen wollen. Berlin war total anstrengend.

Als Kind, wenn ich von der Schule nach Hause fuhr, sah ich auf einigen Häusern die Buchstaben LSR, weiß und groß dick aufgetragen und daneben einen nach unten gerichteten Pfeil. Ich konnte viele Jahre nicht verstehen, was damit gemeint gewesen war. Erst als Jugendliche, Mitte der siebziger Jahre kam mir endlich die Bedeutung in den Sinn, und es war wie die Bebilderung der Geschichten meiner Mutter, die oft von Luftangriffen, dem Rennen in den Keller und den Geräuschen der Bombardierungen erzählt hatte. Als ob ihre Geschichten tatsächlich noch nicht lange zurücklagen. Dann fielen mir Einschusslöcher an Fassaden auf, was ich zuvor als die üblichen unbeachteten Beschädigungen aller Häuser hingenommen hatte. Ich sah die Ruinen mitten in der Stadt, aus deren klaffenden Obergeschossen Bäume wuchsen. Mein Vater zeigte einmal auf eine Brachfläche an einer Kreuzung und sagte, hier hat meine Mutter gearbeitet. Jeden Mittwoch ein Uhr mittags heulten überall im Land Sirenen. Es war eine technische Übung. Aber es war eher die wöchentliche Erinnerung an dreißig, vierzig Jahre zurückliegende Ereignisse, und die Geschichten meiner Eltern im Ohr, erschrak auch ich und hörte das, was sie beschrieben hatten. Der Krieg war präsent geblieben wie immerzu fallender Staub.
Das Kaputte, der muffige Geruch aus Kellerfenstern, das Zerbröseln der Fassaden und ihre Schwärze, das hinfällige Altsein der Häuser und Fabriken, der Gehöfte in den Dörfern schob das Leben in der DDR permanent in die Vergangenheit. Als ob wir in den Kulissen einer zerstörerischen Zeit lebten, und alles Am-Leben-Erhalten an ihnen Flickwerk sein sollte. Die Propaganda, die Opfer des Krieges seien gestorben, damit wir leben konnten, passte zu diesem ständigen Verfall. Als ob Lust in der Gegenwart Anmaßung, der Gedanke an eine Zukunft ohne diesen Krieg schon kühn war. Immer war Demut gefordert, es kostete Mühe, sich nicht davon hinabzwingen zu lassen.

 

Als ich die Fotos von Boris Becker sah, dachte ich im ersten Moment, er hat im Osten Berlins fotografiert. Ruinen, leerstehende Häuser, schlammige ausgefahrene Wege, leere Straßen, verlassene Ecken, Pfützen und zerbrochene Gehwegplatten waren Bilder des Ostens. Doch in diesem Teil der Stadt sah er die Ordnung, die Starre, die Zwänge. Die wie aufgereiht parkenden Autos, Soldaten zwischen beschädigten Säulen, selbst das Alte Museum an der leeren Straße wirkt wie ein toter Koloss. Die Aufnahme vom Anhalter Bahnhof mit dem Neubaublock im nebligen Hintergrund könnte ebenso ein Motiv aus irgendeiner ostdeutschen Stadt sein. Sogar der aus der Erde gerissene Baum, als Bild einer vernachlässigten Natur, passt in eine Landschaft östlich der Mauer.
Boris Becker hat in einer geteilten Stadt fotografiert. Auf seinen Fotos sieht man, was Krieg und Trennung in beiden Teilen, im ganzen Land auslösten. Eine halbe Straße, halb durch eine Mauer mitten hindurch, ist absurd und hinterlässt die Frage, was geschehen ist. Das von mir für den Osten reklamierte Lebensgefühl, ständig Kaputtes vor Augen und ermüdet davon trotzdem keine Anzeichen der Änderung, der Besserung zu haben, sah Boris Becker auch im Westen. Die Aufnahme des Prinz Albrecht Geländes zum Beispiel erzählt, wie trostlos, wie hoffnungslos das war. Und der parkende Oldtimer in Ostberlin, vielleicht eine Antiquität, eine Rarität, ist hier ein Relikt einer Zeit der Zylinder und samtenen Reverskragen der Herren, die glaubten die Welt regieren zu können und sie dann zerstörte.
Auf Boris Beckers Berlin Fotos ist all das lebendig.

März 2014


thank you for your interest


Copyright © 2018 · All Rights Reserved · Boris Becker imprint