Boris Becker artist photographer


"Der Stadtraum und seine Bilder" von Barbara Hofmann - Johnson, Köln

Der Stadtraum und seine Bilder, Architekturmotive im frühen Werk von Boris Becker

Seit ihren Anfängen in den 1980er Jahren umfasst die fotografische Arbeit von Boris Becker unterschiedliche Themenfelder und schließt Werkgruppen über urbane Architekturen, Konstruktionsbauten, Aspekte der Landschaftsfotografie oder mit der Serie der Artefakte eine abstrahierende Sicht auf Oberflächenstrukturen und Farben ein. Mit den Fakes erweiterte er seine fotografische Arbeit vor einigen Jahren darüber hinaus um eine die Grenzen des fotografischen Abbildes hinterfragende Objektfotografie. Ein Aspekt der auch für die Wahrnehmung der zwischen 1984 und 1989 entstandenen Serie der Hochbunker im Werk des in Köln lebenden Künstlers, der heute als einer der wichtigen Vertreter der zeitgenössischen künstlerischen Fotografie betrachtet werden kann, von Bedeutung ist.
Bevor Boris Becker 1984 sein Studium bei Bernd Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie begann, hatte er bereits Film bei Wolfgang Ramsbott an der Hochschule der Künste in West-Berlin studiert. Fotografisch beschäftigte er sich in dieser Zeit mit den Architekturruinen im Diplomatenviertel im Berliner Stadtteil Tiergarten sowie einer Bildfolge zu Innenansichten der seinerzeit von der DDR betriebenen S-Bahn in West-Berlin.
Mit Beginn des Studiums an der Düsseldorfer Kunstakademie konzentrierte er sich zunächst auf die umfangreiche Serie der Hochbunker. Fotografischzentral im Bildraum erfasst und den Blick auf das jeweilige städtische Umfeld weitgehend ausblendend, dokumentieren die Schwarzweiß- und Farbfotografien der Werkgruppe skulpturale, grafische oder wie bei den Farbfotografien der Serie auch malerische Aspekte von Hochbunkern. Als Relikte des Zweiten Weltkriegs wurden Hochbunker im Verlauf der Nachkriegsjahre mehr und mehr in den städtischen Wohnraum integriert, individualisierend gestaltet und neuen Zwecken zugeführt. Ursprünglich als Scheinarchitekturen getarnt, lassen die Bauten in den fotografischen Bildern von Boris Becker ihre ehemalige Funktion und auch aktuelle städtebauliche Nutzung nur eingeschränkt erkennen. Eine objektive Information und Erkenntnismöglichkeit durch die dokumentarische Fotografie ist nur bedingt möglich. Ein Aspekt, der neben der Konzentration auf ästhetische Eigenheiten auch in der weiteren Werkentwicklung von Boris Becker zu einer der vielschichtigen Bedeutungsebenen seiner Arbeit gehört.
Ausgehend von einer am Detail und Tiefenschärfe orientierten dokumentarischen Bildsprache und gelenkt von einem Blick, der bildnerische Momente und ästhetische Besonderheiten in alltäglichen, allgemein oft nicht beachteten oder als bildwürdig betrachteten Zusammenhängen entdeckt, entstanden nach seinem Studium in den 1990er Jahren zunächst Motive zu urbanen Wohnsiedlungen und eine Bildfolge über vorstädtische Wohnhäuser, wie man sie in vielen deutschen Städten findet. Der Blick auf historische, soziokulturelle und erzählerische Bedeutungsebenen, wie er in diesen Arbeiten ablesbar wird, stellt neben der Wahrnehmung von ästhetischen Eigenheiten allgemein ein Interesse für die Motivauswahl von Boris Becker dar.

Die Ausstellung start review zeigt hierzu beispielhaft eine Auswahl an großformatigen Bildmotiven von Siedlungsbautensowie Arbeiten im mittleren Abzugsformat aus der Serie der Wohnhäuser.
Aus unterschiedlichen Perspektiven aufgenommen, nehmen die Motive Hinterhof (1992), Rzeszów (1994) oder Residence Le Torre, Rom (1996) den Bildraum zentral und monumental ein. Großformatig im Ausstellungsraum präsentiert, werden sie zu studierbaren Bildern. So erscheint der Hinterhof mit seinem sich hell von der sonstigen Umgebung absetzenden Wohnhaus und den von Jägerzäunen umsäumten und versandeten Gärten als eine Abfolge von zurückgenommenen Farben, Formen und Strukturen.
Im Gegensatz hierzu erinnert die dynamisch diagonale Sicht auf die kubisch solitäre Form der polnischen Siedlung Rzeszów an überdimensionale minimalistische Skulpturen und Farbfeldmalerei in Pastelltönen. Ebenso wie Residence Le Torre, ein Motiv, das Boris Becker während seines Villa Massimo Stipendiums in Rom 1996 aufnahm, beinhaltet auch Rzeszów neben den formalästhetischen Aspekten erzählerische Verweise auf den Menschen.
Beleben beispielsweise Markisen, überhängende Laken, Wäsche und Sonnenschirme an schwungvoll ausladenden halbrunden Gitterbalkonen das römische Motiv, findet sich bei genauester Betrachtung der polnischen Wohneinheit ein kleines Vogelhäuschen als Verweisauf den Menschen als Bewohner.
Auch die Serie der Wohnhäuser, die in Köln entstand, verbindet ästhetische Momente mit erzählerischen Details. Geprägt von farblich rhythmisierten Fassaden-Verklinkerungen, sorgsam arrangierten und mitunter in kräftigen Farben bemalten Blumenkübeln, parzellierten Vorgärten und anderen ästhetischen Eigenwilligkeiten, die Boris Becker wohl auch mit humorvoller Aufmerksamkeit beobachtet haben wird, gewinnen diese Architekturmotive im künstlerisch autonomen Raum eine eigene Bedeutung und erzählen wie auch spätere Motive im Werk von Boris Becker als fotografisch komponierte Bilder von den anschaulichen Qualitäten des urbanen Alltags.

Barbara Hofmann-Johnson, 2014

Literaturhinweis: Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur; Landesgalerie Linz am Oberösterreichischen Landesmuseum (Hrsg.): Boris Becker. Photographs 1984 – 2009, Köln 2009.

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